ACHTSAMKEIT - NUR EIN MODETHEMA ODER STECKT MEHR DAHINTER?

ACHTSAM SEIN KLINGT NACH EINEM BANALEN KONZEPT. IST DAS SO? WAS GENAU BEDEUTET ACHTSAMKEIT?

Das Konzept der Achtsamkeit stammt aus der buddhistischen Psychologie und wurde als Weg zur Befreiung von Leiden beschrieben. Man braucht jedoch kein Buddhist sein, um von den Techniken Achtsamkeit zu profitieren.

Das von Prof. Kabat-Zinn konzipierte Achtsamkeitstraining „Mindfulness–Based Stress Reduction“ (MBSR) macht die Praxis der Achtsamkeit auch für die westliche Welt und die Psychotherapie zugänglich. MBSR wurde seit Ende der 70er in seiner Wirkung in einer Vielzahl von Studien beforscht. Mehr als 50 Forschungsstudien belegen, dass die Haltung der Achtsamkeit bei ganz verschieden Formen von Stress wirksam ist. Die Forschung zeigt auch, dass etliche körperliche und psychische Stresssymptome reduziert werden und dass die allgemeine Lebensqualität und das Wohlbefinden der Kursteilnehmer verbessert werden.

Achtsamkeit bedeutet ganz im Hier und Jetzt zu sein und die Aufmerksamkeit entweder auf die äußere Welt also die Sinneswahrnehmung zu richten oder aber auf die Innenwelt mit den Gedanken, Gefühlen und inneren Bildern.

Achtsamkeit ist dabei eine Fähigkeit, die wir alle auf natürliche Weise besitzen, wir können sie jedoch üblicherweise ohne Schulung nicht länger als wenige Sekunden auf ein Wahrnehmungsobjekt gerichtet halten.

Das mag zunächst banal klingen, steht jedoch im krassen Gegensatz zu unserem gewöhnlichen Geisteszustand, der dominiert ist von sprunghaften Gedankenvorgängen, die meist mit To-do-Listen oder emotional aufgeladenen Themen befasst sind. Unsere Stimmung ist durch diesen Gedankenwust stark beeinflusst und es entsteht ein Empfinden von Stress. Meist sind wir uns nicht darüber bewusst, dass wir selbst in hohem Maße Einfluss auf unser Befinden haben, sondern fühlen uns abhängig von den Geschehnissen und Handlungen der Außenwelt. Die Achtsamkeit gibt uns einen Teil dieser Verantwortung zurück, indem sie bewusst macht, welchen Einfluss wir selbst auf die Entstehung unangenehmer Empfindungen haben.

WELCHE POSITIVEN EFFEKTE KANN ICH DURCH DIE SCHULUNG DER ACHTSAMKEIT ERWARTEN?

Zahlreiche wissenschaftliche Studien zur Achtsamkeit belegen eine positive Wirkung auf die psychische und körperliche Gesundheit. Durch mehr Achtsamkeit verfeinert sich maßgeblich unsere Selbstwahrnehmung. Wir nehmen Körper und Geist differenzierter wahr und es gelingt uns immer besser die körperlichen und psychischen Bedürfnisse zu erkennen.

Ein Beispiel: Sie stehen im Supermarkt wieder in der „falschen Schlange“, es geht nicht voran. Sie merken, wie sie ungeduldig die Schultern hochziehen und von einem Bein aufs Andere wippen. Sie spüren den Ärger über die langsame Kassiererin, der in diesem Moment Stress in Ihnen selbst verursacht. Die Übung in der Haltung der Achtsamkeit ermöglicht, die Rolle eines interessierten Beobachters einzunehmen. Indem sie sich ihrer Gefühle und Wahrnehmungen bewusst werden, sie beobachten, verändern diese sich meist schon zum Positiven. Sie können die Schultern entspannen, durchatmen und vielleicht verändert sich ihr Ärger, wenn Sie sehen, sie sehr sich die Kassiererin anstrengt. Indem Sie den Ärger bewusst wahrnehmen, bekommen Sie die Wahl. Wollen sie ihn noch mehr anheizen oder nehmen Sie diesen Augenblick des Wartens als Chance, Mitgefühl zu entwickeln, in den Körper zu spüren und innere Ruhe einkehren zu lassen.

Vielleicht ein profanes Beispiel. Aber es zeigt wie Achtsamkeit Freiheit gewährt, indem man sozusagen von außen auf das eigene Denken und das dadurch ausgelöste Fühlen blickt. Wir lernen dadurch eingefahrene Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern zu verändern, indem man sie zunächst bewusst wahrnimmt. Wir beobachten und bekommen die Wahl. Wir haben die Möglichkeit aus dem Auto-Piloten auszusteigen und das Steuer selbst in die Hand zu nehmen.

Gerade jüngste Forschungsergebnisse aus Neurologie und Psychologie zeigen, wie viel Einfluss eine gelassene und angstfreie innere Haltung auf das körperliche Wohlbefinden hat und wie andererseits die Fähigkeit, sich körperlich zu entspannen oder die Rückkehr zur reinen Sinneswahrnehmung zu einer guten Stimmung führen kann.

Achtsam sein hilft freundlicher mit sich selbst und eigenen Gefühlen umzugehen.

Wenn wir im Augenblick leben, werden wir innerlich ruhiger, weniger getrieben und können besser annehmen was ist. So kann man sich z.B. häufiger die Frage stellen: „was ist in genau diesem Moment nicht in Ordnung?“. Häufig wird man merken, dass im aktuellen Moment keine Probleme vorhanden sind, dass diese ausschließlich in Gedanken an Zukunft oder vergangene Belastungen entstehen und in einer Endlosschleife wiederholt und aufrechterhalten werden. Wenn wir wieder „zu Sinnen kommen“ verfliegen viele Probleme von allein, ohne dass wir sie mühsam lösen mussten. Das bedeutet nicht alles im Leben so hinzunehmen wie es ist, sondern sich einer Problemlösung voll bewusst zuzuwenden und diese dann wieder loszulassen. Oder haben Sie schon einmal beim Zähneputzen schwerwiegende Probleme gelöst? Über Probleme nachgedacht haben wir dabei alle schon mal.

WIE GEHT NUN ACHTSAMKEIT GENAU? WAS LERNT MAN BEISPIELSWEISE IM ACHTSAMKEITSKURS?

Ziele des Achtsamkeitstrainings sind Verringerung stressbedingter psychischer Symptome, Entwicklung von Gelassenheit, Lebensfreude und Zufriedenheit, Entwicklung eines besseren Körperbewusstseins und Erhöhung der Konzentrationsfähigkeit, Erhöhte Akzeptanz für sich selbst und andere. Durch die Methoden der Achtsamkeit soll besonders ein verbesserter Umgang mit Stress in unserer Burn-out gefährdeten Gesellschaft erreicht werden.

Die Übungen sollen dabei helfen ganz im „hier und jetzt“ zu sein.

Angefangen mit der Übung, sich des Atems bewusst zu werden, in den Körper hineinzuspüren, seinen Gedankenstrom zu beobachten, ohne ihn zu bewerten, Gefühle und ihre Repräsentation im Körper wahrzunehmen bis hin zu Visualisierungen, die z.B. innere Ruhe herstellen können.

Ziel ist zudem sich Inseln der Achtsamkeit zu schaffen und diese zur Gewohnheit werden zu lassen, beispielsweise 5 Minuten Achtsamkeitstraining am Morgen. Dies erleichtert auch im Alltag achtsam zu bleiben und immer wieder innezuhalten.

WIESO IST ÜBEN NÖTIG?

Übung ist deshalb besonders nötig, weil unser Alltag ein tägliches Training permanenter Ablenkung und gedanklichem Springens ist. Wir sind von allen Seiten abgelenkt von E-Mail, Handy, anrufen, Werbung usw. Wir haben somit alle ein antrainiertes „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“. Das tägliche Achtsamkeitstraining stellt hierzu ein wichtiges Gegengewicht dar. Zudem wirkt sich das tägliche Training positiv auf unsere Immunaktivität aus, d.h. dass die tägliche Übung auch eine Stärkung unserer Abwehrkräfte darstellt. Dabei wird jeder angehalten seine eigene und für ihn passende Form des Achtsamkeitstrainings zu finden.

ANSPRECHPARTNERIN

Frau Dipl.-Psych. Eva Sperger ist approbierte Psychotherapeutin, ist seit 2010 in der Gemeinschaftspraxis PD Dr. Fegg & Kollegen tätig und veranstaltet dort regelmäßig Achtsamkeitstrainings. Sie befindet sich seit 2009 in kontinuierlicher buddhistisch-philosophischer Ausbildung und arbeitet mit Techniken der Verhaltenstherapie, der Achtsamkeit sowie der Hypnose.