DR. SIBYLLE L‘HOSTE MPH

Masterarbeit (2006): Lebenssinn, Lebenszufriedenheit und Wertevorstellung bei Klinikpersonal. Eine vergleichende Untersuchung von Arbeitssituationen in Konfrontation mit Geburt (Wochenbettstation) und Tod (Palliativstation)

Einleitung:

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass es zu einem Wandel in den Wertevorstellungen in Konfrontation mit Sterben und Tod kommt. Dies konnte insbesondere bei Patienten auf Palliativstationen festgestellt werden. Aufgrund der in Zukunft aller Voraussicht nach wachsenden Bedeutung der Palliativmedizin - und somit aus Public-Health-Gründen - geht die Untersuchung der Frage nach, ob sich auch beim Personal auf Palliativstationen aufgrund der Konfrontation mit Sterben und Tod Unterschiede in den Wertevorstellungen, in Lebenssinnfragen und schließlich in der Lebenszufriedenheit im Vergleich zu anderen Arbeitsbereichen feststellen lassen. Als Vergleichsgruppe wurde die Wochenbett- bzw. Entbindungsstation mit ihrer täglichen Erfahrung neuen Lebens ausgewählt.

Methode:

Die Datenerhebung erfolgte an vier Münchener Kliniken in Form einer Fragebogenerhebung. Es handelte sich um eine Querschnittstudie.

Ergebnisse:

Die Zahl der an der Studie Teilnehmenden betrug 140. Dies ergab einen Rücklauf von 74%. Die Auswertung der Daten zeigte folgende Ergebnisse:

Die Analyse der demografischen Daten zeigte signifikante Unterschiede (p<0,05) bei den Variablen Geschlecht (signifikant mehr Frauen auf der Wochenbettstation), Schulabschluss (geringere Ausbildung auf der Palliativstation), Alter (höheres Alter auf der Palliativstation) und Religiösität (mehr Religiösität auf der Palliativstation). Mann-Whitney U-Test bzw. t-Test zeigten im Gruppenvergleich signifikante Unterschiede im Bereich Wertevorstellungen: Höhere Selbsttranszendenzwerte, wie Universalismus, auf der Palliativstation, höhere Selbstbezogenheitswerte auf der Wochenbettstation. Allerdings zeigte die multiple lineare Regression mit der Zielvariablen Selbsttranszendenz vs. Selbstbezogenheit, dass die Gruppenunterschiede weniger auf die Arbeitssituation (Sterben versus Geburt) zurückzuführen waren. Stärkste Einflussvariablen waren die Religiösität (B=0.575, p-Wert= 0,018) - in der Gruppe des Palliativpersonals signifikant stärker ausgeprägt - und Partnerschaft (B=-0,657, p=0,008), wobei die Variable Partnerschaft keinen signifikanten Unterschied unter den Gruppen in der bivariaten Analyse aufzeigte. Es wurde allerdings eine positive (wenn auch nicht sehr starke) Korrelation von Religiösität mit Alter festgestellt (r=0,256, p=0,002), ebenso zwischen Alter und Gruppe (r=-0,402, p=0,00) – höheres Alter und mehr Religiösität in der Gruppe des Palliativpersonals. Die Studie zeigte auch, dass auf der Wochenbettstation sich signifikant höhere Ränge im Bereich Sicherheit zeigten, dagegen höhere Selbstverwirklichungs-Werte auf der Palliativstation, was in der weiteren statistischen Analyse dazu führte, dass auf der Wochenbettstation bei der der Sicherheit übergeordneten Dimension Erhalten (Conservation) höhere Werte zu erwarten waren und geringere hinsichtlich der der Selbstverwirklichung übergeordneten Dimension Openess to change.

Auch konnten in der Studie Korrelationen von Wertvorstellungen mit Lebenssinnbereichen festgestellt werden. So zeigte sich eine positive Korrelation der Variablen Selbsttranszendenz vs. Selbstbezogenheit mit Spiritualität (r=0,261, p= 0,002) und ebenso mit der Variablen Natur (r=0,367, p=0,00). Wie in der zweiten Hypothese angenommen, wurden beim Personal auf Palliativstationen in diesen Bereichen signifikant höhere Ränge erzielt.

Was die Zielvariable Lebenszufriedenheit angeht, so konnte diese Untersuchung – und damit gehen die Ergebnisse konform mit der bisherigen Literatur - weder im Gruppenvergleich, noch in der Regressionsanalyse signifikante Gruppenunterschiede feststellen. In der Regressionsanalyse stellte sich der Berufsumfang als stärkster Einflussfaktor heraus (B=-13,928, p=0,005). Das heißt, das Personal, das Vollzeit arbeitete, hatte signifikant geringere Werte in der Lebenszufriedenheit. Zweitstärkster Einflussfaktor war die Variable Schwereereignis - erfasst durch die Frage, ob in den vergangenen 12 Monaten ein schwerwiegendes Ereignis, wie Tod, Erkrankung oder berufliche oder private Probleme erlebt wurde.

Diskussion:

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass eine Übereinstimmung mit der bisherigen Literatur weitgehend festzustellen ist. Eines dieser Ergebnisse ist, dass sich beim Personal auf Palliativstationen in Konfrontation mit Sterben und Tod im Unterschied zur Wochenbettstation in den Wertevorstellungen, wie auch Sinngebungsbereichen des Lebens signifikante Unterschiede feststellen lassen. Allerdings konnte die Studie nicht beantworten, wie der Zusammenhang der Arbeitssituation (Sterben und Tod) mit der Religiösität, die in der Regressionsanalyse der einflussreichste Faktor (neben Partnerschaft) war, zu erklären ist. Dies bedarf weiterer Untersuchungen. Auch der Einfluss der Partnerschaft auf die Wertedimension bedarf weiterer Untersuchungen. Bestätigt werden konnte auch in dieser Studie nicht, dass von einem Einfluss der Wertedimension Selbsttranszendenz auf die Lebenszufriedenheit auszugehen ist. Allerdings konnte die Studie höhere – wenn auch nicht signifikante – Ränge hinsichtlich der kombinierten Evaluierung der Antworten von Wichtigkeit und Zufriedenheit mit der Arbeit auf Palliativstationen feststellen, die möglicherweise darauf zurückgeführt werden können, dass hier weniger Vollzeit gearbeitet wird. Hier wären weitere Untersuchungen mit größeren Stichproben sinnvoll. Bisher konnten Studien noch nicht hinreichend nachweisen, wie stark der Einfluss der Arbeitszeit auf die Lebenszufriedenheit und die Gesundheit ist. Weitere Untersuchungen sind hier gerade aus Public-Health-Sicht äußerst relevant, zum einen wegen möglicher Interventionen, zum anderen weil davon auszugehen ist und Studien auch bereits belegt haben, dass die Lebenszufriedenheit des Personals Auswirkungen auf das Befinden der Patienten und ihrer Angehörigen hat.

Resümierend kann festgehalten werden, dass die Studie unter Berücksichtigung der bisherigen Literatur einen weiteren fruchtbaren Beitrag geliefert hat und bestätigt, dass weitere Untersuchungen in diesem Bereich aufgrund der wachsenden Bedeutung der Palliativmedizin und damit auch aus guten Public-Health-Gründen zu begrüßen sind.

Zusammenfassung: entnommen aus o.g. Masterarbeit.